Energiewende: Die Stromlücke ist eine Mär | Wirtschaft | ZEIT ONLINE

Energiewende Die Stromlücke ist eine Mär

Für den Ausstieg aus der Atomenergie brauchen wir keine neuen Kohlekraftwerke. Wie die Energiewende zum Klimaschutz beitragen kann. Ein Gastbeitrag

  • Von: Joachim Nitsch
  • Datum: 12.4.2011 - 12:08 Uhr

© Rolf Vennenbernd/dpa

Die Baustelle des Kohlekraftwerks in Datteln (Archivbild)

Die Baustelle des Kohlekraftwerks in Datteln (Archivbild)

Der Umbau der Stromversorgung hat nicht erst mit der Reaktorkatastrophe in Japan und dem Moratorium der Bundesregierung begonnen. Er wurde schon in den 1990er Jahren eingeleitet, als durch zahlreiche Kommissionen und wissenschaftliche Studien gezeigt wurde, dass es Wege in eine zukunftsfähige Energieversorgung ohne Kernenergie gibt. Die eigentliche Entscheidung aber fiel im Jahr 2000 mit der Verabschiedung des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) und der Vereinbarung der Bundesregierung mit der Energiewirtschaft, die Nutzung der Kernenergie in Deutschland bis etwa 2022 zu beenden.

Was folgte, war der unaufhörliche Vormarsch der erneuerbaren Energien (EE), die heute bereits 17 Prozent des Strombedarfs decken und im Jahr 2020 bei einem Anteil von rund 40 Prozent liegen werden. Heute wissen wir, wie der Weg in eine weitgehend bis vollständig auf EE basierenden Energieversorgung gestaltet werden kann. Was dieser Weg an Investitionen und strukturellen Veränderungen verlangt, ist vielfach dokumentiert und publiziert worden. Und die Vorteile liegen auf der Hand: Wir schützen das Klima, machen uns von knappen fossilen Ressourcen unabhängig und steigen aus der Hochrisikotechnologie Kernenergie aus.

Joachim Nitsch
Joachim Nitsch

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Nitsch ist Experte für Energiesystemanalysen am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Zugleich arbeitet er als Gutachter und Berater in den Bereichen Klimaschutzpolitik und Entwicklung innovativer Energiesysteme.

Viele dieser Erkenntnisse sind seither in die Klimaschutz- und Energiekonzepte der diversen Bundesregierungen eingeflossen, sie finden sich auch als sehr konkrete Zielsetzung für die Steigerung der Energieeffizienz und den EE-Ausbau auf deutscher und europäischer Ebene wieder. Viele Akteure auf kommunaler und lokaler Ebene haben sich davon anregen lassen und sind beim Umbau ihrer regionalen Energieversorgung teilweise schon weit fortgeschritten. Die im Oktober 2010 unnötig beschlossene Laufzeitverlängerung für Kernenergie hat diese Erkenntnisse ignoriert.

Die Katastrophe von Fukushima hat uns nun auf brutale Weise die Risiken der Kernenergie vor Augen geführt. Sie hat uns aber auch in die Lage versetzt, auf der Basis eines größeren Konsenses als zuvor, den bereits eingeleiteten Umbau der Energieversorgung, insbesondere der Stromversorgung, jetzt zielstrebig zum Nutzen von Gesellschaft und Wirtschaft weiterzuführen.

In einigen Jahrzehnten soll erneuerbare Energie die Basis unserer Energieversorgung bilden, zuerst in der Stromversorgung, dann aber auch für unsere Wärmeversorgung und für unsere Mobilitätsbedürfnisse. Zwei Dinge sind notwendig, um dieses Ziel zu erreichen: eine deutliche Steigerung der Energieeffizienz und ein intelligenter und mit den Anforderungen des Klimaschutzes und der EE harmonierender Einsatz fossiler Energie.

In Zahlen ausgedrückt bedeutet diese Strategie für den Stromsektor: Bis 2020 lässt sich die Nachfrage nach Strom durch effizientere Nutzung um mindestens 60 Terawattstunden (TWh) pro Jahr verringern, was etwa zehn Prozent des heutigen Gesamtverbrauchs entspricht. Die EE können zusätzliche 130 TWh pro Jahr beitragen, wenn ihr Ausbau, gestützt auf das EEG, so weiter verläuft wie bisher. Dieser Strom wird in 2020 deutlich kostengünstiger sein als heute.

An Kernenergiestrom fehlen uns bei vollständigem Abschalten aller AKW 140 TWh, derzeit sind es durch das Moratorium etwa 30 TWh. In der Mengenbilanz kann also sowohl auf den Strom aus Atomkraftwerken als zusätzlich auf weitere 50 TWh fossilen Stroms verzichtet werden. Eine Stromlücke ist nirgends zu entdecken. Höchstens wird, in der Jahresbilanz betrachtet, der Export von Strom etwas zurückgehen. 

Ausreichend Strom zu produzieren, ist aber nur eine Seite unserer Versorgungssicherheit. Die nachgefragte Stromleistung muss auch zu jeder Zeit verfügbar sein. Leider sind die erneuerbaren Energien in dieser Hinsicht eigenwillig. Ihre Verfügbarkeit schwankt gemäß dem Tag- und Nachtzyklus und den Wetterbedingungen. Durch präzise Vorhersagen kann man sich zwar darauf einstellen, das erleichtert aber nur die notwendige Reservehaltung.

Hier können wir uns jedoch den anstehenden Ersatz fossiler Kraftwerke zunutze machen. Das verlangt, dass wir bei Umbau des Kraftwerkparks vorrangig auf erdgasversorgte Kraftwerke setzen. Sie sind hinsichtlich ihrer Investitionen kostengünstig, sehr effizient, flexibel einsetzbar und in sehr unterschiedlichen Leistungsklassen verfügbar. Neben größeren Kraft- und Heizkraftwerken im Leistungsbereich mehrerer 100 Megawatt gehören dazu auch Gasturbinen und Blockheizkraftwerke für die Industrie und die Wärmeversorgung im Bereich von bis zu mehreren Megawatt. In der Nettobilanz sollten wir bis 2020 die Leistung von Gaskraftwerken um rund sechs Gigawatt steigern und dabei gleichzeitig den Anteil der Kraft-Wärme-Kopplung deutlich erhöhen.

Dagegen kann die Leistung von kohlegefeuerten Kraftwerken sogar leicht zurückgehen. Da aber derzeit Kohlekraftwerke mit einer Leistung von rund zehn Gigawatt in Bau sind, müssen mindestens ebenso viele Altkraftwerke vom Netz, wenn die Strategie einer optimalen Symbiose von EE-Strom und fossilem Strom funktionieren soll. Alle anderen in Planung oder Vorüberlegungen befindlichen Kohlekraftwerke werden nicht mehr benötigt.

Der um 50 Terrawattstunden pro Jahr geringeren Stromerzeugung aus fossilen Kraftwerken bis 2020 steht eine leicht steigende Gesamtleistung fossiler Kraftwerke, nämlich auf rund 85 Gigawatt, davon 35 Gigawatt Erdgas und 50 Gigawatt Kohle, gegenüber. Fossile Kraftwerke werden also weniger ausgenutzt, was auch aus Kostengründen für Erdgas spricht. Zusätzliche Leistung entsteht auch durch den weiteren Ausbau der Biomasse und der Wasserkraft, sodass die Stromversorgung jederzeit gesichert ist – auch wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint

Auch aus Klimaschutzgründen ist diese Strategie zweckmäßig. Trotz vollständigem Verzicht auf die Kernenergie werden im Jahr 2020 bei der Stromerzeugung rund 60 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr weniger emittiert als im Jahr 2010. Um jedoch das selbst gesetzte Ziel einer CO2-Reduktion der gesamten Energieversorgung um 40 Prozent gegenüber dem Bezugswert von 1990 zu erreichen, müssen parallel die großen Potenziale der Energieeinsparung im Gebäudebereich mobilisiert werden. Dort allein kann mehr als die Hälfte der notwendigen CO2-Minderung erbracht werden, die wir bis 2020 erreichen wollen.

Auch wenn die Stromversorgung im Mittelpunkt der derzeitigen Überlegungen steht, muss ihr Umbau durch eine wirksame Effizienzstrategie im Wärmesektor flankiert werden. Und – nebenbei gesagt – auch der Verkehr muss sein Scherflein dazu beitragen. Man könnte mit ganz einfachen Maßnahmen beginnen – beispielsweise einem flächendeckenden Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen.

Diese Strategie hat einen weiteren Vorteil: Die innerhalb dieses Jahrzehnts aufgebaute Marktdynamik bei erneuerbaren Energien und innovativen Effizienztechnologien wird den Umbau der Energieversorgung für weitere Jahrzehnte tragen. Sie wird der Wirtschaft entsprechende Umsätze in Inlands- und Exportmärkten ermöglichen und damit einen wichtigen Beitrag für Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland leisten. Und möglicherweise werden diese Erfolge – wie bereits das EEG – viele Länder veranlassen, sich auch zielstrebig auf diesen Weg zu begeben.

Atomausstieg: Elektromobilität braucht keine AKW | Auto | ZEIT ONLINE

Atomausstieg Elektromobilität braucht keine AKW

Ein schneller Abschied von der Atomenergie würde die Elektromobilität ausbremsen, warnen Kritiker. Doch Autoexperte Dudenhöffer und Greenpeace widersprechen.

© Sean Gallup/Getty Images

Ein elektrisch angetriebener Smart wird in Berlin an einer öffentlichen Ladesäule aufgeladen

Ein elektrisch angetriebener Smart wird in Berlin an einer öffentlichen Ladesäule aufgeladen

Der neue Energiekurs der schwarz-gelben Bundesregierung nach dem Reaktorunglück in Japan und den jüngsten Landtagswahlen verärgert nicht nur die großen Energiekonzerne. Sie ruft auch unter den Automobilexperten Bedenkenträger auf den Plan. Nach Einschätzung von Professor Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen würde ein Aus für den Atomstrom die Einführung von Elektroautos ausbremsen.

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Der Strom aus regenerativen Quellen sei wegen höherer Erzeugungs- und Netzkosten etwa drei bis fünf Mal teurer als Atomstrom, argumentiert Diez. Durch die höheren Strompreise, ist sich Diez sicher, büßten die Elektrofahrzeuge einen erheblichen Teil ihrer wirtschaftlichen Vorteile im Bereich der Unterhaltskosten ein.

Diez' Kollege Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der Universität Duisburg-Essen, hält solche Bedenken dagegen für unbegründet. "Ein beschleunigter Ausstieg aus der Kernenergie würde der Elektromobilität überhaupt nicht wehtun", sagt Dudenhöffer. Selbst wenn die Strompreise durch den Abschied von der Kernkraft um 20 Prozent steigen sollten, würden sich potenzielle Kunden nicht vom Kauf abhalten lassen, denn die Preise für Diesel und Benzin würden noch drastisch steigen. Diese Entwicklung sei angesichts schrumpfender Ölreserven und eines gesteigerten Energiebedarfs auf den neuen Wachstumsmärkten unvermeidbar.

Zum gleichen Schluss kommt die Agentur für Erneuerbare Energien. "Markteinführung von Elektrofahrzeugen und Atomausstieg beeinflussen sich überhaupt nicht", meint Jörg Mühlenhoff, Referent für Energiewirtschaft bei der Agentur. Selbst bei einem massiven Strompreisanstieg würde der Kostenvorteil von Elektrofahrzeugen gegenüber Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor eintreten – wenn auch mit einer kleinen Verzögerung.

Wie sich die Strompreise bei längerer Atomkraftnutzung beziehungsweise nach einem schnellen Ausstieg entwickeln werden, das ist offenbar selbst für Experten eine Rechnung mit etlichen Unbekannten. "Strompreise bilden sich in Deutschland am Markt nach Angebot und Nachfrage. Den Preis setzt dabei das Kraftwerk, das die letzte benötigte Kilowattstunde Strom liefert", erklärt Mühlenhoff.

In Deutschland sind das Erdgas- und Steinkohlekraftwerke, die höhere Kosten für Brennstoffe und CO2-Zertifikate haben. Betreiber von Kernkraftwerken mit vergleichsweise niedrigeren Brennstoffkosten verkaufen den Strom zum gleichen Marktpreis und verbuchen die Differenz als Gewinn. Der Vergleich mit Frankreich, das einen Anteil von 85 Prozent Kernenergie im Strommix hat, zeigt laut dem Energieexperten, dass Kernkraft den Strom nicht zwangsläufig verbilligt. "Dort sind die Strompreise am Großhandelsmarkt ähnlich hoch wie in Deutschland mit einem Anteil von 23 Prozent Kernenergie."

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Stromversorgung: | Wirtschaft | ZEIT ONLINE

Stromversorgung Auf Effizienz getrimmt

Wie der Sachverständigenrat für Umweltfragen sich den Umbau der Stromversorgung vorstellt.

© Bodo Marks/dpa

Rotoren von Windkrafträdern auf einem Feld in der Nähe von Husum

Rotoren von Windkrafträdern auf einem Feld in der Nähe von Husum

Um es gleich vorwegzunehmen: Nicht alles, was die sieben Ökoweisen in ihr jüngstes, fast 700 Seiten starkes Gutachten geschrieben haben, wird die Ökoszene erfreuen. Vor allem nicht, dass sie dafür plädieren, ausgerechnet die Förderung der vermeintlich allseits beliebten Solarenergie »drastisch zu drosseln« – ja, jenseits der Grenze eines jährlichen Zuwachses von rund 1000 Megawatt sogar auf jegliche Förderung zu verzichten. Tatsächlich steht der ketzerische Gedanke aber unmissverständlich auf Seite 448 der Professorenexpertise. Begründung: weil sonst die Mittel zur Förderung jener erneuerbaren Energien fehlen, die »sehr viel effizienter Strom erzeugen«.

Effizienz ist ohnehin der Schlüsselbegriff des Werkes, das sich so grundsätzlich wie kaum ein zweites mit der Frage beschäftigt, ob sich Deutschland bis Mitte des Jahrhunderts zuverlässig und bezahlbar vollkommen mit regenerativ erzeugtem Strom versorgen kann. Die Antwort lautet ja – wenn die Politik einem schlüssigen Energiekonzept folgt. Doch genau daran zweifeln die von der Regierung selbst berufenen Umweltgutachter.

Laut ihrer Analyse passt weder die von Schwarz-Gelb beschlossene Laufzeitverlängerung für die Atommeiler zu einem schlüssigen Energiekonzept noch der Bau angeblich moderner Kohlekraftwerke, für die sich die Regierung Merkel ebenfalls stark macht. Beides ist sogar schädlich, weil es die Akzeptanz für den Umbau der Stromversorgung schmälert. Mangelnde Akzeptanz, beispielsweise für die Errichtung neuer Hochspannungsleitungen, erweist sich aber inzwischen als eines der größten Hindernisse für das Ergrünen der Stromversorgung. Das Manko äußert sich zwar in Form lokaler Widerstände gegen den Leitungsbau, hat seine Ursache aber auch in der Unschlüssigkeit der amtlichen Energiepolitik.

Am deutlichsten wird das beim Thema Energieeffizienz. Und die, nicht etwa die Kernenergie, ist nämlich laut Umweltrat die wahre »Brückentechnologie« – weil sie kostengünstig ist und zeitliche Spielräume für den Ausbau der erneuerbaren Energien sowie der Netze schafft. Theoretisch findet zwar auch die Regierung mehr Energieeffizienz gut; ihre tatsächliche Effizienzpolitik bleibt indes »weit hinter ihren Möglichkeiten zurück«. Das macht eine klimaverträgliche Stromversorgung zwar nicht unmöglich, aber eben deutlich schwieriger. Und teurer. 

Zum Kern: Detaillierte Modellrechnungen lassen erkennen, dass Deutschland sich bis Mitte des Jahrhunderts vollständig mit grünem Strom versorgen kann, zu jeder Stunde, rund ums Jahr, ohne dabei ein einziges Gramm klimaschädliches Kohlendioxid auszustoßen. Zwischen 2030 und 2040 wird die grüne Versorgungsvariante sogar billiger als die konventionelle. Am kostengünstigsten wird sie, wenn Deutschland erstens seinen Stromverbrauch auf etwa heutigem Niveau stabilisiert und zweitens eng mit Dänemark und Norwegen kooperiert.


Unverzichtbar ist vor allem die Vernetzung mit Norwegen, wo optimale Voraussetzungen für die Stromspeicherung in Pumpspeicherwerken herrschen. Ohne solche Zwischenlagerung von Elektrizität fehlt dem erneuerbaren Strom die Zuverlässigkeit, weil selbst über der Nordsee der Wind nicht immer gleichmäßig weht. Manchmal werden die Offshore-Windparks, die laut Umweltrat bis zum Jahr 2050 die billigste Stromquelle sind und deshalb das Gros der elektrischen Arbeit leisten, also zu viel, manchmal zu wenig erzeugen. Für den Ausgleich sorgen die norwegischen Pumpspeicher – und ein Stromimport von maximal 15 Prozent.

Als »zentralen Engpass« für die Komplettversorgung mit Ökostrom haben die Umweltweisen das Netz ausgemacht. Das hat sich mittlerweile bis in die Reihen der Stromkonzerne herumgesprochen. Anders als deren Vertreter belassen es die Ökoweisen aber nicht bei der Klage darüber. Ihre Vorschläge zur Behebung des Mankos werden noch für Diskussionen sorgen. Garantiert.